A hand reaching for something as symbol for society calling for just supply chains.

Eine Hand, die nach etwas greift, als Symbol für die Gesellschaft, die nach gerechten Lieferketten ruft. (Credits: My Hand by @arjunsyah_)

Lieferketten

Zusammenfassung: Bereits mehrfach haben Unternehmen unter Beweis gestellt, dass sie keine Verantwortung für ihre globalen Lieferketten übernehmen. Gesetze, die sie dazu verpflichten, scheinen die logische Lösung zu sein. Warum also diskutieren wir immer noch darüber? Im Folgenden zeigen wir, (1) dass Lieferkettengesetze das Wirtschaftswachstum positiv beeinflussen können, (2) erklären, warum Politiker immer noch zögern, solche Gesetze in die Tat umzusetzen und (3) werfen einen Blick auf die aktuelle Situation in Deutschland, wo die Bevölkerung ein Lieferkettengesetz fordert, das Unternehmen zu mehr Rechenschaftspflicht und Verantwortung drängt.

Brauchen wir überhaupt Lieferkettengesetze?

"Menschenrechte sind wirklich nicht so wichtig: Fragen Sie einfach 200 führende Unternehmen " titelte Bob Eccles, Leadership Strategist und Visiting Professor of Management Practice an der Saïd Business School, University of Oxford, in einem seiner Artikel für Forbes. Laut dem aktuellen Corporate Human Rights Benchmark stimmt das: Die größten Unternehmen unserer Gesellschaft kümmern sich nicht um ihre Lieferketten und deren Auswirkungen auf Mensch und Umwelt. Warum ist das so? Und können wir als Gesellschaft, als Verbraucher, das einfach so hinnehmen? Welche Gründe haben die Unternehmen, keine Verantwortung zu übernehmen?

bar graph showing how an organization benefits from sustainable procurement initiatives, for leaders and non-leaders

Quelle: eBook „Der ROI von Nachhaltigkeit” von ecovadis

Die treibende Kraft eines Unternehmens - die Verkaufszahlen - kann nicht der Grund dafür sein, denn die Einhaltung ethischer und rechtlicher Anforderungen, wie z.B. der Menschenrechte, beeinflusst die wirtschaftliche Leistung von Unternehmen nicht negativ, wie Goliathwatch zeigt. Laut einer Studie von PWC aus dem Jahr 2013können Unternehmen eine Steigerung der Wirtschaftsleistung von 70% erreichen, wenn sie verantwortungsvoll handeln. Darüber hinaus schwören führende Unternehmen im Nachhaltigkeitsbereich wie Vaudeauf Menschenrechte und Naturschutz als Wettbewerbsvorteil. Ecovadis bestätigt dies im Blogbeitrag „Der ROI von Nachhaltigkeit”. Pepsi konnte beispielsweise den betrieblichen Wasserverbrauch durch entsprechende Prozessanalysen um 26 Prozent senken und damit fast 80 Millionen Dollar einsparen.

Aber nicht nur in Zeiten von „Business-as-usual” können Unternehmen von transparenten Lieferketten profitieren. Die Coronavirus-Pandemie hat gezeigt, dass Unternehmen, die ihre Lieferketten gesetzeskonform gestalten und Menschenrechte sowie Naturschutz ernst nehmen, Krisen in der Regel standhafter begegnen. Denn das Wissen über die eigene Lieferkette führt zu Resilienz in der Produktion und führt zu Nachhaltigkeit in Unternehmen.

Warum machen es dann nicht alle?

Die Tatsache ist: Lieferketten sind nicht auf Transparenz ausgelegt. Im Zuge der Globalisierung hat der Grad der Spezialisierung und internationalen Vernetzung in Lieferketten zugenommen. Nehmen wir das Beispiel der Automobilindustrie: Ein Automobilhersteller hat rund 17.000 Zulieferer. Von diesen bezieht er 140 Milliarden Teile pro Jahr, die in 130 Werken in 24 Ländern verarbeitet werden. Im Durchschnitt überquert jedes Teil viermal eine Grenze, bevor es in ein Fahrzeug eingebaut wird. Nicht zuletzt aus Kostengründen befinden sich diese weit verzweigten Lieferketten oft in Ländern des globalen Südens, in denen niedrigere Umwelt- und Sozialstandards gelten. Eine „Aus den Augen, aus dem Sinn”-Mentalität ist weit verbreitet. Zudem befürchten Unternehmen und Zulieferer, dass die Offenlegung von zu vielen Informationen ihren Wettbewerbsvorteil untergräbt oder sie - in vielen Fällen zu Recht - öffentliche Kritik erfahren würden.

Außerdem fehlen die Daten, um Lieferketten transparent zu machen. Dadurch wird diese Aufgabe teuer und langwierig. Nur selten sammeln Unternehmen relevante Informationen, wie Details zu Praktiken in der vorgelagerten Lieferkette. Und wenn Daten vorhanden sind, besteht immer die Wahrscheinlichkeit, dass sie nicht der Wahrheit entsprechen. Lieferketten transparent zu machen ist daher kostspielig, der ROI für Transparenz entspricht nicht den kurzfristigen geschäftlichen Bedürfnissen eines Unternehmens. Das hat entsprechende Auswirkungen, wie Oxfams Liste der Menschenrechtsverletzungen zeigt.

Das Wirtschaftswachstum ist auch ein Grund für die Politik, nicht in den freien Markt einzugreifen - gerade in Deutschland. Anstatt ein rechtlich verbindliches Lieferkettengesetz einzuführen, setzt die Regierung auf freiwillige Maßnahmen. Diese haben bisher zu keinem großen Erfolg geführt, wie das zweijährige Monitoring der Bundesregierung zeigt: Von 2250 befragten Unternehmen gaben nur 455 eine gültige Antwort. Das Ergebnis: Deutlich weniger als 50 Prozent der befragten Unternehmen kommen ihren unternehmerischen Sorgfaltspflichten nach.

TDieser Fokus auf freiwillige Maßnahmen ist stark vom Lobbydruck der Wirtschaftsverbände geprägt, wie die Recherchen des Global Policy Forums zeigen. Ziel ist es, der Wirtschaft so viel Freiheit wie möglich zu geben. Das Ergebnis: Eine verzögerte und verwässerte Gesetzgebung, die kaum die Sorgfalt und Verantwortung der Unternehmen für ihre globalen Lieferketten kontrolliert. Logische Folge: Unternehmen nehmen die Verantwortung für ihre globalen Lieferketten nicht ernst, weil das Wirtschaftssystem unserer Gesellschaft nur kurzfristigen wirtschaftlichen Erfolg und Unternehmenswachstum belohnt. Ein nachhaltiger Ansatz, der soziale Werte respektiert und für Mensch und Natur arbeitet, wird nur belächelt.

Zeit für Veränderung

Doch der Markt verändert sich. Nach Katastrophen wie Rana Plaza im Jahr 2013 oder den eingenähten Hilferufen von Näherinnen in Asien, üben Verbraucher mehr Druck auf Unternehmen aus und fordern Transparenz. Denn die Käufer, die meist im Endorphin-Rausch eines günstigen Fast-Fashion-Schnäppchens oder eines Ausverkaufs sind, wollen kein schlechtes Gewissen haben. Auch die Politik spürt den Druck: 222.222 Menschen haben deutschlandweit die Forderungen der Initiative Lieferkettengesetz unterschrieben und eine repräsentative Umfrage zeigt, dass 75 % der deutschen Bevölkerung für ein Lieferkettengesetz sind.

Auch in der deutschen Wirtschaft beginnt ein Umdenken: Große Unternehmen wie BMW, Daimler und Tchibo wollen ihre Verantwortung wahrnehmen und fordern von der Politik entsprechende Maßnahmen. Sie erkennen zunehmend, dass sie ihre Geschäftsmodelle ändern müssen, um die Menschenrechte zu respektieren. Wenn sie in diese Schritte investieren, wollen sie keine Wettbewerbsnachteile gegenüber Unternehmen haben, die weiterhin unverantwortlich handeln. Zudem können sie alleine viel weniger erreichen, als wenn jedes Unternehme verpflichtet wäre, diese Schritte zu gehen. Wenn zum Beispiel mehrere Kunden eines Zulieferunternehmens verpflichtet werden, sich vor Ort für bessere Arbeitsbedingungen einzusetzen, könnten sie mehr erreichen als ein einzelnes Unternehmen.

Die Anforderungen für ein wirksames Lieferkettengesetz

Es scheint, dass sich die Forderungen der verschiedenen Interessengruppen in dieser Diskussion zuspitzen, und die Politik nun vermitteln muss. Während öffentlich wenig bekannt ist, ringen die Bundesministerien in Deutschland derzeit heftig um die Inhalte eines Lieferkettengesetzes. Damit es seine volle Wirksamkeit entfalten kann, müsste es bestimmte Mindestanforderungen erfüllen:

1. Reichweite der Sorgfaltspflicht

Es muss Unternehmen dazu verpflichten, sentlang der gesamten Wertschöpfungskette Sorgfalt walten zu lassen. Dazu darf das Gesetz nicht hinter den Anforderungen der UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte zurückbleiben und muss sicherstellen, dass Unternehmen ihr Risiko analysieren, wirksame Maßnahmen ergreifen und darüber berichten.

Initiative Lieferkettengesetz 'das muss drin sein'

© Initiative Lieferkettengesetz

Initiative Lieferkettengesetz 'das muss drin sein'

©© Initiative Lieferkettengesetz

2. Ökologische Verantwortung

Es muss den Zusammenhang zwischen Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerstörung erkennen. Denn Umweltschäden, die durch wirtschaftliche Aktivitäten entstehen, gefährden oft auch grundlegende Menschenrechte. Die Fälle von verseuchtem Trinkwasser oder gerodeten Wäldern zeigen dies: Umweltschutz und der Schutz von Menschenrechten gehören zusammen.

3. Behördliche Überprüfung

Das Gesetz muss eine staatliche Behörde ermächtigen, die Einhaltung von Menschenrechts- und Umweltschutzstandards zu überwachen und ihr die Macht geben, Unternehmen zu sanktionieren, die diese missachten. Zum Beispiel durch die Verhängung von Bußgeldern oder den Ausschluss von Unternehmen von öffentlichen Aufträgen und Außenwirtschaftsförderung.

Initiative Lieferkettengesetz 'das muss drin sein'

© Initiative Lieferkettengesetz

Initiative Lieferkettengesetz 'das muss drin sein' in green

© Initiative Lieferkettengesetz

4. Zivilrechtliche Haftung

Das Gesetz muss eine zivilrechtliche Haftung bei eingetretenen Schäden ermöglichen. Es muss den Betroffenen von Menschenrechtsverletzungen im Ausland ermöglichen, vor deutschen Gerichten Schadensersatzansprüche gegen Unternehmen geltend zu machen, wenn diese keine angemessenen Sorgfaltsmaßnahmen ergriffen haben.

5. Unabhängig von der Unternehmensgröße

Das Gesetz darf nicht nur für sehr große Unternehmen gelten, sondern muss auch kleine Unternehmen in Branchen mit hohen Menschenrechtsrisiken berücksichtigen, wie z. B. Textilien, Automobile oder Chemikalien.

Initiative Lieferkettengesetz 'das muss drin sein'

© Initiative Lieferkettengesetz

Die Vorreiter

Deutschland betritt mit seiner Diskussion über ein nationales Lieferkettengesetz keineswegs Neuland. In den USA, Australien, der Schweiz, Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden und Österreich sowie in der Europäischen Union gibt es bereits entsprechende Richtlinien und Verordnungen, die Unternehmen die Wahrnehmung ihrer Lieferkettenverantwortung ermöglichen und fördern. Diese Gesetze betreffen auch Unternehmen aus Deutschland, da sie Waren in die jeweiligen Länder exportieren oder liefern. Ein deutsches Lieferkettengesetz könnte also Rechtslücken in Deutschland schließen und ist Teil des Trends zur verbindlichen Unternehmensverantwortung.

Wir von retraced halten es für selbstverständlich, dass Unternehmen transparent und verantwortungsbewusst handeln - auch wenn das angesichts des aktuellen „Business-as-usual”-Klimas noch wie ein Traum klingt. Unsere Gesellschaft braucht Unternehmen, die ökologische Zusammenhänge respektieren, das Gemeinwohl fördern und zukunftsorientiert agieren. Wir brauchen Unternehmen, die Wertschöpfung und Wertschätzung zugleich in den Vordergrund stellen, ohne Social- oder Greenwashing.

Was haltet ihr von den Forderungen nach einem Lieferkettengesetz? Ist es noch zu lasch oder wird es zu starken Eingriffen in eine freie Marktwirtschaft führen? Wir freuen uns auf eine rege Diskussion auf unseren Social-Media-Kanälen!

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